Artist: Christopher Shultis
Album: Waldmusik
Label: Neuma Records
VÖ: 20.02.2026
Waldmusik: Wenn der Wald selbst komponiert
Christopher Shultis macht aus 14 Jahren Walderfahrung ein elektroakustisches Tagebuch zwischen Kontemplation und Klangforschung.
Mit Waldmusik legt Christopher Shultis ein Album vor, das weniger als bloße Werkschau funktioniert, sondern als klingendes Protokoll eines langen inneren Weges. Vierzehn Jahre Wandern, Lauschen und Reflektieren verdichten sich hier zu einer Sammlung, die zwischen akustischer Kammermusik und elektroakustischer Klangkunst oszilliert. Erschienen ist das Album am 20.02.2026 über Neuma Records.
Der Ausgangspunkt reicht zurück in eine Künstlerresidenz in Taos, New Mexico. Dort entstand nicht nur eine Idee, sondern eine Haltung: Gehen als künstlerische Praxis, Hören als kompositorischer Kern. Inspiriert von Henry David Thoreaus Konzept des „Sauntering“ wird das Wandern zur Methode. Und genau das spürst Du in diesen Stücken. Hier wird nichts forciert, nichts auf Effekt gebürstet. Die Musik atmet, tastet, horcht.
Das eröffnende „Circlings“ verbindet traditionelle koreanische Klänge des Gyeonggi Gayageum Ensembles mit Elektronik und Schlagwerk. Feldaufnahmen aus Tempeln und Berglandschaften werden nicht als exotische Kulisse missbraucht, sondern als organischer Bestandteil eines Klangraums integriert. Shultis gelingt es, kulturelle Kontexte respektvoll zu verweben, ohne sie zu glätten.
Im Trio „Wissahickon, Pulpit Rock, French Creek“ verschiebt sich der Fokus in die Wälder Pennsylvanias. Klavier und Perkussion entwickeln eine fast tastende Dramaturgie, die weniger von Melodie als von Textur lebt. Du hörst hier kein Naturidyll, sondern ein akustisches Porträt von Wegen, Steinen, Wasserläufen – Musik als Resonanzraum konkreter Orte.
Zentral sind die beiden großen Klavierzyklen, interpretiert von Curt Cacioppo. „Devisadero“ trägt noch die Weite der Wüstenlandschaften in sich: klar konturierte Linien, reduzierte Gesten, viel Raum zwischen den Tönen. Die „World’s End Preludes“ hingegen sind dunkler grundiert. Sie verarbeiten historische Traumata – konkret die gewaltsame Geschichte der Lenape und das Massaker von Gnadenhütten 1782. Hier wird das Klavier zum Medium einer stillen, aber eindringlichen Erinnerungskultur. Pathos vermeidet Shultis, stattdessen setzt er auf Verdichtung durch Zurückhaltung.
Mit „One Far Noise“ schließt sich der Kreis. Tamtam und Elektronik verschmelzen mit Vogelstimmen vom Heidelberger Philosophenweg. Das Stück wirkt wie ein spätes Resümee: kein großes Finale, sondern ein leises Ausklingen. Fast so, als würdest Du nach einem langen Spaziergang noch einmal stehen bleiben und bewusst lauschen.
Stilistisch bewegt sich Waldmusik zwischen Neuer Musik, elektroakustischer Klangkunst und meditativer Klangforschung. Wer hier eingängige Themen oder klassische Spannungsbögen erwartet, wird sich umstellen müssen. Dieses Album verlangt Geduld – und schenkt im Gegenzug eine intensive Form von Konzentration. Es ist keine Musik für nebenbei, sondern für bewusste Hörmomente.
Mit 7,5 von 10 Punkten ist Waldmusik ein starkes, in sich schlüssiges Werk, das nicht durch spektakuläre Gesten überzeugt, sondern durch Konsequenz und Haltung. Manchmal wünschst Du Dir vielleicht etwas mehr Kontrast oder dramaturgische Zuspitzung. Doch gerade die konsequente Verweigerung des Effekts ist Teil des Konzepts. Hier geht es nicht um Show, sondern um Wahrnehmung.
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